
In der heutigen Zeit, die von den modernen Medien, von der Globalisierung und der weltweiten Vernetzung geprägt wird, hört man öfters die Klage darüber, dass regionale Besonderheiten verschwinden
und dass eine monotone "Einheitskultur" im Entstehen ist. Zugleich fällt aber auf, dass vielerorts alte Bräuche und Besonderheiten wieder verstärkt gepflegt werden.
Wenn man von Brauchtum und Volkskultur spricht, so muss man darauf aufmerksam machen, dass auch dieser Bereich einem ständigen Wandel unterworfen ist. Brauchtumspflege sollte ja nicht nur konservatorischen, bewahrenden Charakter haben, denn sonst würde sie zu einer musealen Tätigkeit verkommen. Es gibt auch "neue" Bräuche, die erst in letzter Zeit entstanden sind und in wenigen Jahren bereits zu einem Fixpunkt im Veranstaltungskalender geworden sind. Ein Beispiel dafür ist etwa das Kastanienfest in Unterach, welches im Spätherbst gefeiert wird.
Wir möchten Ihnen in diesem Kapitel dem Jahresablauf folgend einige wichtige Bräuche und Feste, wie sie am Attersee und im Attergau üblich sind, kurz vorstellen, dabei aber auch darauf hinweisen, dass viele davon weit über das Atterseegebiet hinaus verbreitet sind.
Jahresbeginn
Das Glöckeln am Vorabend des Dreikönigstages hat eine lange Tradition. Dabei geht eine Gruppe von Sängern von Haus zu Haus, Glöckellieder werden gesungen, und die Glöckler werden von den Hausleuten bewirtet. Das Glöckeln ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Sinn eines Brauches im Laufe der Zeit wandeln kann. Denn früher, als der Lebensmittelüberfluss von heute vielen Menschen unbekannt war, gingen die Glöckler nicht nur zur Unterhaltung von Bauernhaus zu Bauernhaus, sondern die erbettelten Krapfen waren auch ein begehrtes zusätzliches Nahrungsmittel. Der traditionelle Spruch der Glöckler lautete übrigens: "Bitt' gar schön um an Glöcklerkrapfen, unser drei san am!"
Eine Besonderheit ist der Glöcklerlauf in Schörfling am Attersee, der alljjährlich am Abend des 5. Jänner abgehalten wird. Über sechzig Darsteller mit Glöcklerkappen führen auf dem Marktplatz ihre Figuren vor und begeistern die zahlreichen Besucher. Auch in Steinbach und Unterach hat der Glöcklerlauf eine lange Tradition.
Wintervergnügungen
Das Eisstockschießen war und ist in den langen Wintermonaten eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten der (heute nicht mehr nur) männlichen Bevölkerung. Die Faschingszeit wird mit Bällen und Umzügen nach wie vor ausgiebig gefeiert.
Osterbräuche
Die Palmbuschen, die am Sonntag vor Ostern geweiht werden, steckt man in die Gärten und Felder sowie in den Herrgottswinkel in der Stube. Das Ratschen als Ersatz für das Glockengeläut an den Kartagen und das Eierpecken am Ostersonntag gehören ebenso zum österlichen Brauchtum.
Der Erste Mai
Der Aufmarsch der Musikkapellen, welche musizierend durch die einzelnen Ortschaften der jeweiligen Gemeinden ziehen, zählt ebenso zu den Maibräuchen wie das Aufstellen eines Maibaumes. Früher gehörte zum Maibaumsetzen auch das Maibaumkraxeln dazu, wobei junge Burschen den glatten Stamm des Baumes hochkletterten, um in den Besitz der oben aufgehängten Trophäen (zB Würste) zu gelangen.
Wenn der Maibaum vor dem Aufstellen nicht gut bewacht wird, kann es sein, dass er gestohlen wird und ausgelöst werden muss. Es ist dies einer der alten Stehl-Bräuche, die in dem alten Aberglauben wurzeln, das "gestohlene" und wieder gewonnene Personen und Dinge einen besonders hohen Wert darstellen. Dazu gehört auch das "Braut-Stehlen" bei einer Hochzeit oder das "Rafen-Stehlen" (Rafen = ein Teil des hölzernen Dachstuhles) bei einem Hausbau.
Fronleichnam
Ein Höhepunkt des kirchlichen Lebens sind die Fronleichnamsprozessionen am zweiten Donnerstag nach Pfingsten. Musikkapelle, Feuerwehrleute in Uniform, weißgekleidete Mädchen, welche Blumen streuen, und Frauen in Tracht ziehen vor dem 'Himmel' unter dem die Monstranz getragen wird, durch die Straßen und Felder.
Sommerfeste
Aus den Feuerwehrfesten, wie sie seit Beginn des 20. Jh. veranstaltet werden, hat sich eine Vielzahl ähnlicher Feste entwickelt. Dorf- und Pfarrfeste tragen dazu bei, das Gemeinschaftsgefühl unter den Bewohnern der einzelnen Ortschaften zu stärken. Große Seefeste mit Feuerwerk und einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm ziehen zahlreiche Besucher an.
Kirtage
Je nachdem, wann das Fest des Kirchenpatrons gefeiert wird, werden in den einzelnen Pfarrorten Kirtage abgehalten. Wie so ein Kirtag um die Jahrhundertwende in Unterach aussah, das beschreibt Brigitte B. Fischer, die Tochter des berühmten Verlegers Samuel Fischer, mit folgenden Worten:
"Das Schönste des Sommers war der alljährliche Kirtag, das große Jahrmarktsfest. Der Marktplatz, ja das ganze Dorf Unterach, stand voller Buden, in denen man alles, was das Herz begehrte, kaufen konnte. Die Bauern brachten schöne, alte Sachen aus ihrem Besitz zum Verkauf, ihre alten seidenen Tücher, bunt gestickte seidene Dirndlkleider, gestickte Westen mit silbernen Knöpfen und Schnüren und vor allem ihren alten Bauernschmuck, die breiten Halsbänder, die aus vielen aneinandergereihten Ketten bestanden, um ihren Kropf zu verbergen, Ohrringe, Gürtelschnallen und Armbänder. Meine Mutter bekam manch schönes Stück geschenkt, von denen ich heute noch einige besitze. Der Kirtag dauerte gewöhnlich mehrere Tage, und ich habe kaum je festlichere Stunden als jene erlebt, da ich mit meinen Freunden durch die Budenstraßen ziehen durfte, in heißer Sonne, mit Leierkastenmusik und Karusselfahren."
Manch einheimischer Leser wird diese Zeilen nicht ohne eine gewisse Wehmut gelesen haben, denn der oben geschilderte "Ausverkauf" bäuerlicher Kulturgüter führte dazu, dass heute in vielen Häusern kaum alte Gegenstände vorhanden sind. Auch von dem wenigen Mobiliar, das die alten Bauernhäuser enthielten, wurden die wertvollsten Stücke (zB bemalte Bauernkästen und Truhen) bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg
oft allzu leichtfertig veräußert.
Erntedankfest
Wenn Ende September oder Anfang Oktober die Ernte der Feldfrüchte beendet ist, wird das Erntdankfest gefeiert. Die aus den Ähren verschiedener Getreidearten gebundene Erntekrone wird in feierlicher Prozession zu einem Dankgottesdienst in die Kirche getragen.
Advent
Adventmärkte mit Verkauf von Adventkränzen und Advent- und Weihnachtssingen gehören ebenso zum vorweihnachtlichen Brauchtum wie der Nikolaus, der am Vorabend des 6. Dezember kommt und Geschenke austeilt. Bemerkenswert ist der Einzug des Nikolo in Schörfling am Attersee:
Der Zug wird von Krampussen mit ihren Ruten eröffnet, es folgen die erste und die zweite "Habergoaß". Der Nikolo wird in einer von acht maskierten Männern geschulterten Sänfte auf den Marktplatz getragen. Dort verteilt er aus dem von der Tanzgruppe mitgetragenen "Goldberg" Geschenke an die Marktmusik. Der erwähnte "Goldberg" ist übrigens nur in Seewalchen und Schörfling bekannt und spiegelt vielleicht die Bedeutung wider, die der heilige Nikolaus als Patron der Seefahrer und Flößer hatte, für die die Ankunft am nördlichen Ende des Sees ein wichtiges Etappenziel war.
Der Bedeutung des Goldberges kommt man vielleicht dadurch näher, wenn man bedenkt, wie der heilige Nikolaus für gewöhnlich dargestellt wird, und zwar in Bischofskleidung. In der Hand hält er ein Evangelienbuch, auf dem drei goldene Äpfel oder goldene Kugeln liegen, sie erinnern an eine Episode aus der Heiligenlegende, wonach Nikolaus durch ein dreifaches Almosen drei aremn Jungfrauen aus ihrer Not geholfen hat.
Weihnachten
Von den neueren Bräuchen, die erst in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, erwähnen wir das Christbaumtauchen am Attersee. Auf ähnliche Weise, wie man auf die Gräber der Verstorbenen zu Weihnachten ein kleines Bäumchen zu stellen pflegt, soll der im See versenkte Weihnachtsbaum an die im See verunglückten Menschen erinnern. Christbäume sind übrigens bei uns erst seit dem Ende des 19. Jh. üblich. Älter ist die Kunst des Krippenbaues, wie sie vor allem in inneren Salzkammergut (Ebensee) eine lange Tradition hat. Eine schöne Krippe, welche ganzjährig aufgestellt ist, findet man in Steinbach am Attersee.
Ein Beispiel dafür, wie sich aus alten Traditionen neue Formen entwickeln, sind die Krippen mit lebensgroßen Figuren, welche es erst seit einiger Zeit gibt. Bei der Nussdorfer Dorfkrippe etwa sind auch Personen aus der Gegend in ihren alten Trachten als Krippenfiguren gestaltet worden. Diese Tatsache möge als Überleitung dienen zu dem Bereich der traditionellen Bekleidung, den wir nun in aller Kürze darstellen möchten.
Die Tracht
Bei der Auswahl der Bekleidung spielt der persönliche Geschmack heute die Hauptrolle. Früher sollte die Kleidung vor allem die gesellschaftliche Position (Beruf, Alter, Familienstand) zum Ausdruck bringen. Die moderne Trachtenmode entstand unter Verwendung älterer Formen im 19. Jahrhundert. Ihre weite Verbreitung verdankt sie dem Aufschwung des Salzkammergutes als Sommerfrische und dem Umstand, dass sich Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl am liebsten in Jägerkleidung zeigte.
Das Dirndl
Das Dirndlkleid hat in Oberösterreich eine lange Tradition. Zur Hebung der Sittenstrenge wurden in früheren zeiten sogar Erlässe herausgegeben, die allzu freizügige Formen verhindern sollten. Beispielsweise wollte man in der Barockzeit eine Mindestlänge der Röcke bis unter die Waden vorschreiben.
Goldhaube und Kopftuch
Auf älteren Fotografien fällt einem modernen Betrachter auf, dass die Menschen bei Veranstaltungen kaum je barhäuptig abgebildet sind. Eine Kopfbedeckung war also früher ein unverzichtbarer Bestandteil jeder "vollständigen" Bekleidung. Von den traditionellen weiblichen Kopfbedeckungen sind für die Tracht bis heute zwei Formen wichtig. Die Goldhaube wurde einst von verheirateten, begüterten Bürgersfrauen zu einem Dirndl getragen (und nicht zu den bodenlangen "Reformkleidern", wie sie erst seit der Jahrhundertwende üblich sind). Das kunstvoll gebundene schwarze Flügel-Kopftuch ist hingegen dem bäuerlichen Bereich zuzuordnen. Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderung ist diese strenge Unterscheidung heute hinfällig geworden. Zahlreiche örtliche Goldhaubengruppen pflegen die mühsame und kostspielige Kunst des Goldhaubenstickens, und Frauen mit Goldhaube oder Kopftuch gehören zu den festlichen Anlässen im Jahreskreis einfach dazu.
Musikkapellen
Auch für die Musikkapellen, die einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen Leben der einzelnen Gemeinden leisten, ist die Tracht wichtig. Dabei wird in letzter Zeit wieder ein verstärktes Augenmerk darauf gelegt, dass die Trachten einen Bezug zur Gegend haben. So etwa hat man für die neue Tracht der Musikkapelle Attersee die tradtionelle Kleidung der früheren Attersee-Flößer zum Vorbild genommen. Das musikalische Niveau der einzelnen Musikkapellen ist sehr hoch, und überall wird großer Wert auf die Ausbildung des Nachwuchses gelegt. Wertungs-Spiele und Leistungsabzeichen dienen als Ansporn. So hat man jüngst einen alten, mehrere Jahre in Vergessenheit geratenen Preis wieder ins Leben gerufen: den Atterseepokal. Es ist dies ein Wanderpokal, der bei einem jährlichen Wertungsspiel an einem bestimmten Tag am Ende des Sommers vergeben wird.
Wenn sich in vielen Vorurteilen noch immer die Meinung äußert, die Musikkapellen seien typische Männervereine, so muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die Frauen stark im Vormarsch sind. Mittlerweile sind bei den Jungmusikern die Mädchen sogar schon in der Überzahl.
Gesang
Singkreise, Liedertafeln und Kirchenchöre bilden ebenfalls einen wichtigen Bestandteil der Volkskultur. Frühlingssingen, Passionssingen in der Fastenzeit, Open-Air-Festivals und viele andere Veranstaltungen sind eine Bereicherung des kulturellen und spirituellen Lebens in den einzelnen Gemeinden. Das Singen bei der Feldarbeit, am Stammtisch im Wirtshaus oder im häuslichen Kreise ist hingegen etwas aus der Mode gekommen. Früher trag man sich oft am Sonntagnachmittag zum "Hoangarten". Dabei wurde mit Streichinstrumenten odr mit der Ziehharmonika musiziert, gesungen und "gepascht" (zu einer Melodie oder einem Lied geklatscht).
Theater
Laienspielgruppen gibt es in mehreren Orten. Als Beispiel erwähnen wir hier St. Georgen, wo im Theatersaal alljährlich vielbesuchte Aufführungen von Bühnenstücken stattfinden.
All jene Bereiche der Volkskultur, die wir (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) in diesem Kapitel besprochen haben, dienen nicht nur dr Verschönerung des Alltaglebens und dem Zusammenhalt der örtlichen Gemeinschaften, sie bieten jedem Einzelnen auch die Möglichkeit, seine eigenen Talente zu entdecken und zu entfalten. Man sollte nicht den Fehler begehen und die "hohe" Kultur - wie sie in den Festspielhäusern und großen Galerien präsentiert wird - und die Volkskultur als zwei getrennte Bereiche sehen. Es ist im Gegenteil so, dass sich inZeiten künstlerischer Blüte (wie etwa in der Wiener Klassik unter Mozart, Haydn und Beethoven) diese beiden Bereiche gegenseitig beeinflusst haben, zum Beispiel durch die Verwendung von Volkslied-Melodien in klassischen Kompositionen oder umgekehrt durch das Populärwerden von klassischen Melodien wie etwa bei den Opernarien
Giuseppe Verdis, die man in den italienischen Städten auf der Straße singen hörte, oder bei manchen Liedern aus der Zeit der Romantik, welche später zu "echten" Volksliedern wurden. Die soeben aufgestellte Behauptung gilt übrigens nicht nur für die Musik, sondrn für die unterschiedlichsten Bereiche der Kunst und des Alltagslebens. Man denke nur an die Verwendung der Tracht bei den Gästen (Kaiser Franz Joseph), an das Schreiben der Mundart (H.C. Artmann) oder an die Vermischung der Stilformen bei den Bauwerken. Fragwürdig ist all das nur dann, wenn es zu vordergründiger Folklore verkommt, welche möglichst viele Klischees erfüllen will.