
Viele bedeutende Musiker und Musikerinnen haben am Attersee einen Ort gefunden, an den sie sich zurückziehen konnten und können.
Der See und Landschaft sind aber nicht nur ein Erholungsraum. Dass in den letzten Jahrzehnten eine qualitativ hochwertige Musikszene am Attersee entstanden ist, beweisen die vielen örtlichen Festivals: Attergauer Kultursommer, Attersee-Klassik, Steinbacher Philharmonische Wochen, Kulturforum Seewalchen, Konzerte in Unterach.....
Wenn wir in den folgenden Zeilen einen kurzen geschichtlichen Überblick über Musiker und Komponisten ab Attersee geben wollen, so ist dieser Aufsatz im Prinzip nach demselben Muster aufgebaut, wie der Abschnitt über die Literatur. Es ist wiederum Johann Beer (1655-1700), mit dem wir beginnen müssen. Allerdings sind seine Kompositionen in der Fremde entstanden, am fürstlichen Hof in Weißenfels (Sachsen-Anhalt). Anlässlich des Beer-Jubiläums im Jahr 2000 wurden einige seiner Werke in St. Georgen aufgeführt, so z.B. die Messe "Ursus murmurat" unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt.
Bei einer Lektüre alter Chroniken kann man feststellen, dass es in der Barockzeit auch in kleineren Kirchen Orgeln gab und dass größere kirchliche Feste musikalisch gestaltet wurden. Der Konkurrenzkampf dürfte bei den Kirchenmusikern in der Barockzeit aber ein ernstes Problem gewesen sein, denn am 7. August 1638 erließ F.Ch. Khevenhüller eine Musikerordnung, die "Instruction der Musikanten zu St. Geörgen", um sie vor ausländischer (bayrischer und salzburgischer) Konkurrenz zu schützen. Hier heißt es u.a.:
Erstlichen, weilen meine bestellte Musicanten zu St. Georgen von selben Kirchen sehr wenig besoldung, auch ihnen bis dato durch und vor anderen Ausländern als Bayr- und Salzburgischen grosse Eintrag beschechen, und also ihnen das Brodt von dem Maul abgenomben.......
Dass in kleineren Kirchen Chöre aus umliegenden Pfarren auftraten, erfahren wir beispielsweise im Kirchenrechnungsbuch der Pfarre Abtsdorf. 1742 und 1743 sang dort der Kirchenchor von St. Georgen am Fest des Kirchenpatrones (hl. Laurentius, 10. August), und auch die "Seewalchnerischen Musicanten" leisteten einige Jahre später ihren Beitrag zur musikalischen Gestaltung des Kirchweihfestes.
Abermals überspringen wir nun einen größeren Zeitraum und kommen im Fin de siecle auf den Berghof bei Unterach, wo wir Johannes Brahms treffen:
"Frau Marie Brüll, die Witwe des Musikers, lebte in einem der Häuser mit ihrer Familie, und ihr Haus war immer von Musik erfüllt. Bei ihr hatte Brahms, von Ischl kommend, öfters gewohnt. Überall hingen Photos von ihm und Manuskripte lagen auf dem Flügel, auf dem er selbst viel musiziert hatte. Sie erzählte von Brahms Besuchen und wie sehr ihn alle geliebt haben trotz seiner schwierigen und eigenwilligen Gewohnheiten. Der hochbetagte Karl Goldmark kam noch jeden Sommer auf einige Monate zu Besuch und saß in seinem ebenerdigen Zimmer, das auf den 'Spielplatz' führte."
In Unterach wohnte der Komponist Hugo Wolf im Haus der Familie Eckstein (=Villa Jeritza). Im Herbst 1888 vertonte er hier Gedichte von Eichendorff und Mörike, im Frühling 1890 Gedichte von Gottfried Keller. Ein Ausschnitt aus einem Brief Oskar Grohes aus dem Jahr 1893 gibt Einblick in die damaligen Lebensumstände:
Am Donnerstag wollte ich mit Wolf (der zu dieser Zeit in Traunkirchen war), den Attersee besuchen, wir mußten aber auf halbem Wege wieder umkehren, weil der Kaiser da jagte, was Wolf für eine Teufelei erklärte, so daß ich Mühe hatte, ihn zu beruhigen.....In die Nacht hinein musizierten wir nicht, da zwei ältere Damen auf gleichem Flur wohnen, die der Ruhe bedürfen, aber unter Tag wird viel gesprochen und Musik gemacht.
Bruckner oder Brahms? - Damals stritt man sich in der Wiener Gesellschaft darum, wer denn die drei großen "B" seien. Die eine Partei verfocht die Lesung Bach - Beethoven - Brahms, die andere plädierte für die Reihenfolge Bach - Beethoven - Bruckner. Wir möchten der Vollständigkeit halber erwähnen, dass auch Anton Bruckner am Attersee (im Ort Attersee) war, allerdings nur auf Kurzbesuch und nicht mehrere Monate, wie es den Gepflogenheiten des Sommerfrische-Tourismus entsprochen hätte. Aber das Problem, dass er nicht zur Society gehörte, hatte Bruckner ja auch in Wien.....
In dieser Hinsicht ging es dem berühmtesten Schüler von Bruckner schon um einiges besser. Die Rede ist von Gustav Mahler, der mehrmals seinen Sommeraufenthalt in Steinbach am Attersee nahm und der sich bei seinen Kompositionen von der Atterseelandschaft inspirieren ließ.
Von 1893 bis 1896 verbrachte Mahler die Sommermonate in Föttingers Gasthaus "Zum Höllengebirge" in Seefeld in der Gemeinde Steinbach. Auf einer weiten, blumenübersäten Wiese ließ er sich am Seeufer ein Komponierhäuschen errichten, und in diesem "stillen Haus der Natur" vollendete er die II. Symphonie, komponierte das "Rheinlegendchen" und schrieb 1895/96 die III. Symphonie. Mitten in der Arbeit an diesem Werk lud er seinen Freund Bruno Walter aus Hamburg an den Attersee ein, und als Mahler seinen Gast am Landungsplatz abholte, fielen die berühmten Worte hinsichtlich der Bedeutung des Höllengebirges für die Komposition der Symphonie: "Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen - das habe ich alles schon wegkomponiert."
Zum Glück blieb das Höllengebirge aber weiterhin an seiner Stelle, und trotz der Gesteinsbrocken, die von der Erosion seither zu Tale befördert wurden, hat sich der Gesamteindruck dieses Kalkmassivs bis heute nicht sichtbar verändert.
Wir bleiben noch in der Nähe des Höllengebirges und in der Gemeinde Steinbach, kommen aber in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und nach Weißenbach. Hierher kam Friedrich Gulda, der damals auf dem Höhepunkt einer internationalen Pianistenkarriere war. Zum Beispiel hatte Gulda bereits als Zwanzigjähriger in der New Yorker Carnegie-Hall debütiert. Des Herumgereichtwerdens vor einem sogenannten Klassikpublikum überdrüssig, warf er schließlich den Frack weg und wante sich neuen Formen der Musik zu, beispielsweise dem Jazz. Seine Eindrücke aus der Volksmusik, wie er sie etwa bei einem Platzkonzert der örtlichen Musikkapelle vor dem Hotel Post in Weißenbach gesammelt hatte, flossen in die Komposition seines "Cello-Konzertes" ein. Friedrich Gulda starb am 27. Jänner 2000 in Weißenbach, und sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Steinbach.
Wenn man heute in Unterach spazieren geht und einen Einheimischen um Auskunft bittet, nach wem die Maria Jeritza-Straße benannt ist, so kann kaum jemand eine exakte Auskunft geben. Seinerzeit war diese Primadonna, deren Lebensdaten fast ein Jahrhundert umspannen (1887-1982), eine gefeierte Größe, uns seit 1925 hatte sie ein Haus in der nach ihr benannten Straße.
Als Dirigent von Opern und Operetten ist Franz Bauer-Theusl bekannt. Sein Wohnort am Attersee ist auch in Unterach. Ebenfalls in diesem Ort wohnt heute Heinrich Schiff. Als Cellist hat er das gesamte wichtige Cello-Repertoire von Vivaldi und Haydn bis Lutoslawski und Zimmermann auf Tonträger eingespielt. Er ist seit drei Jahrzehnten regelmäßig zu Gast bei bedeutenden Orchestern und Musikfestivals in Europa, den USA und in Japan. Beigeistertes Echo fand die im Jahr 2000 veröffentlichte Gesamtaufnahme von Beethovens Kompositionen für Cello und Klavier mit Till Fellner. In den letzten 15 Jahren hat Heinrich Schiff die Hälte seiner künstlerischen Arbeit dem Dirigieren gewidmet.
Vom südlichen Ende des Attersees geht unsere musikalische Reise nun am westlichen Seeufer entlang nach Norden, und wir kommen in die Gemeinden Attersee und St. Georgen.
In Abtsdorf befindet sich seit ungefähr zwei Jahrzehnten das Sommerdomizil von Martin Haselböck. Als Dirigent, Organist, Cembalist und Komponist ist er auf vielfältige Weise im europäischen Musikleben präsent. Die "Wiener Akademie" wurde 1985 von Martin Haselböck gegründet. Als Dirigent ist er Gast der bedeutenden Musikfestspiele und der großen Orchester in Europa und in den USA. Von den zahlreichen Preisen und Auszeichnungen erwähnen wir das Ehrendoktorat des Luther College in Iowa (USA).
Dass man Werke aus früheren Musikepochen auf modernen Musikinstrumenten spielt, war bis vor einigen Jahrzehnten eine selbstverständliche Praxis. Das Musizieren auf Originalinstrumenten und das Bemühen um eine historisch "richtige" Interpretation alter Musik war jedoch von Anfang an ein Ziel von Nikolaus Harnoncourt, der seit den siebziger Jahren in St. Georgen i.A. wohnt. Harnoncourt, ursprünglich Cellist, gründete 1953 den "Concentus Musicus" und wurde u.a. durch die Aufführung von Monteverdi-Opern international bekannt. Eine umfangreiche Diskographie dokumentiert die Einspielung von Werken aus der Barockzeit, der Wiener Klassik und dem 19. Jahrhundert. Das traditionelle Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereines in Wien, welches alljährlich von vielen Rundfunk- und Fernsehanstalten weltweit übertragen wird, hat Harnoncourt in den Jahren 2001 und 2003 geleitet.
Bevor wir an das nördliche Ende des Attersees kommen, überqueren wir den See. Wir legen in Weyregg an und begeben uns auf den Gahberg. Dort befindet sich das "Museum Cristofori", welches die Entwicklung des Klavieres dokumentiert. Es wurde von dem Pianisten Jörg Demus aufgebaut. Demus, der 1956 den bedeutenden Preis "Premio Busoni" in Bozen gewann, ist in Europa, in de USA, in Asien und Australien aufgetreten und er hat zahlreiche Klavierwerke eingespielt (zB von J.S. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schuhmann und Debussy). Als Liedbegleiter hat er u.a. mit Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf und Peter Schreier zusammengearbeitet.
Eine Berühmtheit war die Sängerin Maria Cebotari (1910-1949), die in Seewalchen zu Gast war. Nach dem frühen Tod der Sopranistin adoptierte der englische Pianist Sir Clifford Curzon (1907-1982) die beiden Söhne Cebotaris. Curzon war mit der Cembalistin Lucille Wallace verheiratet, die 1927/28 in Litzlberg eine Villa errichten ließ.
Ebenfalls in Litzlberg beheimatet ist der in Oberösterreich geborene Franz Welser Möst, der derzeit Chefdirigent des Cleveland-Orchestra ist.
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Konzertreihen am Attersee